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Ein Megathema Namens Vielfalt - Fondsmanager entdecken "Diversität" als Anlagekriterium

Die Skulptur machte Furore. Das „Fearless Girl“ stellt sich in der Wall Street dem heranstürmenden Bullen entgegen. Aufgestellt wurde die Statue anlässlich des Frauentags 2017, um darauf aufmerksam zu machen, dass in den US-Vorstandsetagen nach wie vor der Anteil an Frauen in Führungspositionen sehr gering ist.

Die Künstler haben das Thema Diversität schon lange aufgegriffen, jetzt ist es auch in der Finanzwelt mehr als nur ein Modewort. Die Vielfalt in den Unternehmen wird in Zukunft eines der ganz großen Anlagethemen werden, prognostiziert das Deutsche Bank Markets Research. Die Vordenker des größten deutschen Geldhauses gehen davon aus, dass in den kommenden sieben Jahren bis zu 120 Milliarden Euro in Anlageinstrumente fließen werden, die das Thema der Chancengleichheit ernst nehmen. Damit würden diese Fonds zu den Top-Ten-Aktionären in gut zwei Drittel der europäischen Stoxx-600-Unternehmen aufsteigen. Thema für die Aufsicht. Ein Katalysator für die Entwicklung sind neue Vorgaben der European Securities and Markets Authority (Esma). Die Aufsichtsbehörde hat angekündigt, dass sie sich die Angaben in den Jahresabschlüssen bezüglich Diversität genau anschauen wird. Die meisten börsennotierten Firmen müssten damit rechnen, dass sie ihre internen Regeln zur Förderung der Vielfalt offen legen müssen. Dies werde viele Firmen dazu veranlassen, überhaupt erst einmal eine solche interne Politik zu verfassen, glaubt das Research der Deutschen Bank. „Dass Diversität durch die verbindliche Veröffentlichung im Lagebericht der Unternehmen transparent wird, ist ein wichtiger erster Schritt. Ich gehe davon aus, dass Investoren künftig zunehmend Aspekte der sozialen Verantwortung in den Mittelpunkt rücken werden“, sagt Susan Spinner, Managing Director der CFA Society Germany. Hinter dem Kürzel CFA verbirgt sich eine weltweit tätige, gemeinnützige Organisation von Finanzanalysten mit Hauptsitz in den USA. Studien zeigten schon heute, dass Anleger zugunsten ethischen Verhaltens von Unternehmen, auf einen Teil der Rendite verzichten würden.Mit der neuen Anlegergeneration der Millennials dürfte der Druck auf Unternehmen dahingehend weiter zunehmen, ergänzt Spinner. Vor allem die institutionellen Investoren dürften hier Vorreiter werden. „Die Sensibilität für solche Fragen hat zugenommen, letztlich werden sich die relativ neuen Kriterien auch im europäischen Markt durchsetzen“, meint Patrick Maurenbrecher, Partner beim Kontora Family Office. Der Auslöser für die Veränderung kommt von der Europäischen Union (EU). Das Europaparlament und die Mitgliedstaaten der EU haben 2014 eine Richtlinie zur Erweiterung der Berichterstattung von großen kapitalmarktorientierten Unternehmen und Kreditinstituten verabschiedet – die sogenannte CSR-Richtlinie. So soll die Transparenz über ökologische und soziale Aspekte von Unternehmen in der EU erhöht werden. Dabei geht es um Informationen zu Umwelt-, Sozial-und Arbeitnehmerbelangen sowie die Achtung der Menschenrechte und die Bekämpfung von Korruption und Bestechung. Deutschland hat die Richtlinie in nationales Recht umgesetzt, erstmals anwendbar auf Lageberichte ab dem Geschäftsjahr 2017. Die Analysten der Deutschen Bank glauben, dass das Thema der Vielfalt bei Rasse, Geschlecht, Hautfarbe, nationaler Herkunft, Alter sowie Religion einen ähnlichen Anlageschub wie der Pariser Klimagipfel 2015 auslösen dürfte. Fonds, die nachhaltige Anlageziele verfolgen, verdoppelten nachdem Klimaabkommen ihre Volumina im Markt. Laut Eurosif gibt es heute Fonds mit einem verwalteten Vermögen von zehn Billionen Euro, die Investments zurückhalten, wenn bestimmte Ausschlusskriterien greifen, etwa die Herstellung von Alkohol oder Zigaretten beziehungsweise Rüstungsgütern oder Glücksspiel. Fonds, die das Thema der Vielfalt in den Vordergrund rücken, sind noch rar gesät, erfreuen sich aber wachsender Aufmerksamkeit. So verwalten beispielsweise der Gender Diversity Fund von State Street und der Pax Ellevate Global Women’s Index Fund in den USA zusammen gut 500 Millionen Dollar. Auf Euro lautende Produkte bieten etwa Ampega und Robeco an. Das Research der Deutschen Bank hält es jedenfalls für riskant, das Thema Diversität zu ignorieren. Das wäre ungefähr so, als ob man einen Diesel-Pkw kauft und auf einen hohen Wiederverkaufserlös hofft, obwohl die öffentliche Meinung und die Umweltauflagen diesen Verbrennungsmotor immer weniger attraktiv erscheinen lassen.