– Handelsblatt

Investieren in Technologien von morgen

Start-ups mit innovativen Produkten sind interessant. Doch Privatanleger können bislang nur schwer direkt investieren.

Heizkesselbau bei Viessmann. Die Digi- talisierung spielt auch in der Produktion eine größere Rolle.

Die digitale Transformation erfasst alle Branchen: den Maschinen- und Anlagenbau, die Automobileindustrie, den Mediensektor, Banken und Versicherungen. Junge Digitalunternehmen treiben diesen Wandel voran. 2015 basierte laut KfW-Bankengruppe jede fünfte Existenzgründung in Deutschland auf einem digitalen Geschäftsmodell. Investoren wollen sich an interessanten Unternehmen beteiligen.

Das gilt auch für Family Offices, die das Vermögen wohlhabender Familien managen. „Der Vermögenserhalt steht dabei an erster Stelle“, wie Patrick Maurenbrecher vom Multi Family Office Kontora sagt. In der Vergangenheit hat Maurenbrecher Mandanten eher abgeraten, Wagniskapital auszugeben. Für Investments in Unternehmen über Private-Equity-(PE)-Fonds ist er positiver gestimmt. Vermögende könnten vom Megatrend der Digitalisierung profitieren. Einige Familien hätten bereits große Summen angelegt. Allerdings ist das Angebot knapp. Laut Maurenbrecher werden PE-Fonds mit Fokus auf deutsche mittelständische Unternehmen bis 2018 über 13 Milliarden Euro einsammeln: „Für dieses Volumen gibt es nicht ansatzweise genügend Ziele, so dass die Unternehmen tendenziell zu teuer eingekauft werden müssen.“

Wenn ein Mittelständler direkt in digitale Start-ups investiert, lassen sich strategische Überlegungen und Finanzinvestment nicht trennen. Immer mehr Geld fließt in junge Unternehmen, weil die digitale Innovation im eigenen Unternehmen oft nur langsam wächst. Als Beispiel nennt sie die Beteiligung von Klöckner und Kärcher am Online-Marktplatz Contorion. „Deutsche Unternehmen wandeln als Investoren auf den Spuren von US-Konzernen wie Oracle, Google oder Facebook, um Innovation einzukaufen“, sagt Lydia Benkö, Gründerin von Digital Capital Advisors.

Ein Investor in der Frühphase und operativer Risikokapitalgeber im Digitalsektor ist Project A Ventures. Der Berliner Investor beschäftigt ein 80-Mann-Team, das Start-ups unterstützt. Daran teilhaben können jedoch nur Unternehmen, die bereit sind, einen zweistelligen Millionenbetrag anzulegen. Ein weiterer Fonds wird Business Angels, Familienunternehmern und institutionellen Investoren vorbehalten bleiben. Kleinanleger bleiben auch hier draußen.

Privatinvestoren können Plattformen für Crowdinvesting nutzen. Den potenziell hohen Renditen stehen allerdings große Risiken gegenüber. Auch über die Börse ist indirekt ein Investment in Entrepreneure möglich. So wie die Aktien der Beteiligungsgesellschaft German Start-ups Group, die im Entry Standard notiert sind. Der Berliner Venture-Capital-Anbieter finanziert junge, digital ausgerichtete Unternehmen. Ein neues Segment für Wachstumsfirmen der Deutschen Börse soll zum 1. März 2017 starten. 14 Jahre nach dem Ende des Neuen Marktes soll damit ein Marktplatz entstehen, der junge Unternehmen und Investoren zusammenbringt.

Viele Mittelständler wollen so lange nicht warten. Sie investieren schon jetzt in junge Digitalunternehmen, „um ihre Position abzusichern“, wie Thomas Retzlaff von der Beratungsgesellschaft Lehel Partners Corporate Finance sagt. „Sie wollen Veränderungen in ihrem Umfeld, vor allem technologische, frühzeitig erkennen und sich darauf einstellen können.“ Vorreiter ist die Heiztechnik-Gruppe Viessmann. Das Familienunternehmen hat dem Finanzinvestor Vito Ventures mehrere Millionen für seinen Fonds zur Verfügung gestellt.

Dabei schaut sich Vito Ventures-Geschäftsführer Benedikt Herles vor allem in den Bereichen Internet of Things, Software in der Cloud, B2B-Marktplätze und Energietechnologie um. Der Investor hat vier Minderheitsbeteiligungen getätigt, darunter das Start-up Building Radar, das Satellitendaten nutzt. „Das Unternehmen weiß vor allen anderen, wo in der Welt neue Bauprojekte entstehen“, so Herles. Das interessiert auch einen Heizungsbauer.

Die Investments von Vito Ventures sind Teil der Strategie von Viessmann. Das Unternehmen bindet Experten für digitale Transformation an sich. „Das macht Viessmann wie kaum ein anderer Mittelständler“, sagt Thomas Oehl, Investmentmanager bei Vito Ventures. Anfang November kürte die Intes Akademie Martin Viessmann zum „Familienunternehmer des Jahres“. Der Visionär hat früh „in den digitalen Wandel investiert“. Mit den Beteiligungen könnte Viessmann Dienstleistungen rund um das Kerngeschäft Heizungstechnik anbieten.