01. Aug. 2022 | Lesedauer: 8 Min.

Eigene Erfahrungen, eigene Chancen

Was braucht die Next Gen, um erfolgreich zu sein? Laut Stephan Buchwald ist vor allem Freiraum wichtig. Im Gespräch erläutert der Kontora Geschäftsführer, wie die junge Generation mit Familienvermögen umgeht und welche Formen von Unternehmertum er beim Nachwuchs beobachtet. Sein Fazit: Vermögen verleiht Energie, um die Welt ein Stück weit besser zu machen – ganz egal, ob geerbt oder selbst geschaffen.


Heutzutage wird in unserer Gesellschaft so viel vererbt, wie nie zuvor. Wie führen Sie die nächste Generation sinnvoll an das Familienvermögen heran, um einen guten Umgang mit Geld zu entwickeln? Wo kann in diesem Prozess die Elterngeneration einen Beitrag leisten? Was sind Ihre Beobachtungen?

Wir beobachten, dass im Umgang mit dem Vermögen häufig eine große Herausforderung darin besteht, dass die jüngere Generation Hemmungen hat, ihre Eltern mit Fragen zu Geld zu löchern. Gerade in Deutschland ist Vermögen etwas, was ich häufig als Tabu behaftet wahrnehme. Ganz häufig halten die älteren Generationen die Zügel in der Hand.

Daher ist es wichtig, den Jüngeren die Chance zu geben, das notwendige Wissen aufzubauen und auch eigene Erfahrungen zu sammeln oder eigene Fehler zu machen. Beides funktioniert tendenziell dann am besten, wenn sich die ältere Generation etwas zurückzieht. Das gelingt beispielsweise, indem einige Arbeitsrunden ohne die Senioren stattfinden.

So lassen sich neben den fachlichen Themen auch im geschützten Kreis Fragen besprechen, die identitätsstiftender sind. So kann sich die nachfolgende Generation das Wissen aneignen, das sie braucht, um eines Tages selbst die Zügel in die Hand zu nehmen. In unseren „next-gen-Meetings“ bringen wir auch verschiedene Familien zusammen. Erfreulicherweise wird dort u.a. sehr offen über Vermögensthemen diskutiert.

Blicken wir konkret auf die Generation der Erbinnen und Erben. Wie erleben Sie deren Umgang mit dem Vermögen und der damit einhergehenden Verantwortung? Wie ist deren Beziehung zum Familienvermögen?

Wir nehmen mehrere Sachen wahr. Erstens bin ich immer wieder im positivsten Sinne fasziniert, mit welcher Ernsthaftigkeit sich die Jüngeren damit beschäftigen und bei der Sache sind. Das Verantwortungsbewusstsein scheint übergreifend über die Familien sehr hoch zu sein.

Zweitens – und das ist eine Abgrenzung zu den Vorgängergenerationen – ist die Bereitschaft, der unternehmerischen Tätigkeit alles unterzuordnen, deutlich geringer. Es wird sehr genau hinterfragt, wie viel Zeit man sinnvoll in eine Vermögensverwaltung steckt, damit es nicht der alleinige Lebenszweck ist. Insbesondere dann, wenn eine Familie sich von einem Nukleus-Unternehmen getrennt hat und jetzt eher eine Investoren-Familie ist, finde ich diese Fragestellung auch völlig berechtigt.

Die heutige Erbengeneration sieht häufig das Vermögen als ein Privileg, finanziell so abgesichert zu sein, dass sie ihr Leben selbstbestimmt gestalten kann. Dabei arbeiten die Mitglieder dieser Nachfolgergeneration auch durchaus parallel in Angestelltenverhältnissen, schauen dabei jedoch nicht auf das Gehalt, sondern auf die Erfüllung des Lebenssinns. Oder aber sie machen sich mit einer gewissen finanziellen Sicherheit im Rücken selbstständig.

Ich empfinde so etwas als richtig, weil damit auch das Vermögen nicht mehr diese Last mit sich führt, die gerade die Vorgängergeneration – in Deutschland insbesondere die Nachkriegsgeneration – spürte. Die heutigen Erben gehen aus meiner Sicht auch mit der Verantwortung sich selbst gegenüber anders um. Sie sind nicht mehr bereit, für das Vermögen oder Unternehmen auf alles andere zu verzichten.

Der dritte Aspekt, der immer weiter zunimmt, ist der Wunsch nach Nachhaltigkeit. Wenn man sich sehr intensiv damit beschäftigt, hilft keine schwarz-weiß-Einordnung oder die Orientierung an Ratings. Man muss sich wirklich damit auseinandersetzen. Und diese Beschäftigung mit der Fragestellung, ob ich mit meinen Investments anderen schade oder die Welt verbessern kann, nehme ich als dritten sehr positiven Aspekt der jüngeren Generation wahr. Da kommt wieder das Unternehmer-Gen durch.

Wir beobachten, dass die jüngere Generation Hemmungen hat, ihre Eltern mit Fragen zu Geld zu löchern.


Welche Formen von Unternehmertum bringt die Generation der Erbenden zum Vorschein? 

Es ist tatsächlich ganz vielfältig. Ich würde sagen, dass ungefähr ein Drittel wieder selbst gründet. Und zwar nicht mehr wie ihre Vorfahren als einzelne dominierende Personen, sondern immer häufiger gemeinsam mit Partnern. Heute schließen sich Gründer zusammen, arbeiten im Team und folgen dem Grundverständnis, dass sie in der Gemeinschaft erfolgreicher sind. Dadurch stirbt jedoch tendenziell auch das klassische Familienunternehmen aus.

Andererseits definieren viele Unternehmertum für sich so, dass sie sich beispielsweise mit der Vermögensanlage der Familie beschäftigen und wiederum übergewichtet in Unternehmen investieren. Ein weiteres Drittel sind Nachkommen die eben nicht das klassische „Unternehmer-Gen“ besitzen. Es ist schließlich nicht wirklich vererbbar und ein häufiger Irrtum, dass Kinder von Unternehmern zwingend auch Unternehmer sein müssen. Viele machen in einem Angestelltenverhältnis aktiv Karriere und sind dadurch überhaupt nicht mehr Unternehmer im klassischen Sinne.

In der Verwaltung ihres Vermögens jedoch engagieren sich einige wiederum sehr unternehmerisch, indem sie ihr Kapital vornehmlich anderen zur Verfügung stellen und es ihnen so ermöglichen, Unternehmen zu gründen oder groß zu machen. Das wären die typischen drei Themen, die wir beobachten: Selbst neue Unternehmen mit Partnern zusammen zu gründen (1), gar nicht selbst zu gründen, sondern nur das Kapital zur Verfügung zu stellen (2) und sich als unternehmerischer Investor zu verstehen (3).

Dies sind dann vermutlich auch die drei Wege, auf denen Vermögen Freude bereiten kann. Auf Ihrer Website steht sehr präsent „Vermögen sollte Freude bereiten“. Wie kann Vermögen Freude bereiten?

Was wir sehr gerne vermitteln wollen ist, dass man das Unternehmertum im Kopf auch auf die Vermögensverwaltung übertragen kann. Dabei geht es nicht um technische Fragen, sondern um den Zweck. Und wenn man für sich ein bestimmtes Ziel definiert hat und dieses verfolgt, geht es beispielsweise einfach darum, ob man Anderen etwas Gutes getan hat.

Das bedeutet, dass Vermögensverwaltung auch etwas ist, was mit Herz getan werden kann und wirklich Freude bereitet. Vermögen ist kein „verdruckstes“ Thema hinter verschlossenen Türen, sondern verleiht eine positive Energie. Ob man diese Energie selbst erschaffen hat oder auch schon die Vorfahren, ist ganz gleich. Wenn man sich darüber im Klaren ist, wie man diese Energien nutzen möchte, kann man einen Unterschied machen und die Welt in einem Segment etwas verbessern. Und das ist doch etwas, was jeden Unternehmer antreibt.

Das vollständige Gespräch mit Stephan Buchwald finden Sie im Buch „Familienstrategie erleben und gestalten“, herausgegeben von Daniela Jäkel-Wurzer, Marcel Megerle und Susanne Dahncke. Der Band versammelt 26 interdisziplinäre Beiträge zu praxisrelevanten Themen für Familienunternehmen. Vielen Dank an den Springer Gabler Verlag für die Erlaubnis zur Übernahme!