KONTORA INSIGHTS – DER UNTERNEHMER PODCAST.

Folge 3 - Dr. Jürgen Heraeus

Edelmetalle, China und ein Schwiegersohn auf dem Fahrersitz: Jürgen Heraeus (Heraeus GmbH) im Gespräch mit Kontora Geschäftsführer Patrick Maurenbrecher.

Die Themen dieses Podcasts mit Jürgen Heraeus:

  • Heraeus, Hidden Champion und „explodierte Apotheke“ (00:00:57)
  • Wie Jürgen Heraeus durch seinen Vater geprägt wurde (00:01:51)
  • Erste Schritte der Internationalisierung (00:10:41)
  • Ein breit aufgestelltes Portfolio als Risikopuffer (00:18:51)
  • Wie sich Gesellschafter*innen steuern lassen (00:22:38)
  • Die lange Suche nach einem Nachfolgenden (00:30:30)
  • Wie Schwiegersohn Jan Rinnert aufgebaut wurde (00:38:18)
  • Drei Abschlussfragen (00:51:18)

 

Komplette Folge hier als Video.

Jürgen Heraeus ist eine Unternehmer-Legende. Ab 1964 prägte er in wechselnden Positionen das Technologieunternehmen Heraeus, einen Spezialisten für Edelmetalle und Werkstoffe. 17 Jahre davon als Vorsitzender der Geschäftsführung und 20 Jahre als Aufsichtsratsvorsitzender. Als er 2020 das Unternehmen verlässt, ist der Konzern in 40 Ländern vertreten und setzt mit 14.800 Mitarbeitenden 31,5 Milliarden Euro um.

Bei Kontora Insights nimmt uns Jürgen Heraeus mit auf eine Reise – von seinen Anfängen als Unternehmersohn und Trainee über die von ihm angestoßene Expansion nach Amerika und Asien bis zu den Jahren, in denen er als Aufsichtsratsvorsitzender seinen Schwiegersohn kontrollierte, der bis heute CEO ist.

Disziplin, Pünktlichkeit, Leistung. Heraeus Vater führte den Sohn mit strenger Hand an eine mögliche Nachfolge heran. „Als ich mit dem Abitur fertig war, sagte mein Vater: Wenn du das Studium nicht packst, kannst du ein gutes Handwerk lernen, aber wenn du oben hin willst, dann musst du etwas leisten.“ Dazu habe für ihn selbstverständlich auch die Promotion gehört. Ein Anspruch, dem Heraeus gerecht wurde, auch wenn ihm als junger Mensch dadurch so manches entgangen sei: „Wenn ich heute die Schlager der damaligen Zeit nicht alle erkenne, weil ich sie nie gehört habe, merke ich, dass ich vielleicht auch etwas versäumt habe.“


Wir haben einen Familienkodex, in dem klar geregelt wird, was man von der Familie als Gesellschafter erwartet, wer mitarbeiten darf und welche Gremien es gibt.

Dr. Jürgen Heraeus
Heraeus GmbH


China öffnet sich

Stattdessen durchlief der Junior als Trainee sämtliche Abteilungen des Unternehmens. Heraeus sog alle Eindrücke auf – und wurde wenige Jahre später in die Geschäftsführung berufen. Als Geschäftsführer und später als Vorsitzender machte er sich an die Internationalisierung des Geschäfts, baute zunächst das Amerika-Geschäft auf und wagte den Schritt nach Asien. Zunächst nach Japan, dann nach China. Ein Aha-Moment sei eine Reise nach Hongkong im Jahr 1992 gewesen, als die Öffnungspolitik Deng Xiaopings gerade an Fahrt aufnahm.

Voraussetzung für den Wandel zum Weltkonzern war die von Heraeus betriebene Umwandlung in eine Holding. Dabei sei es von entscheidender Bedeutung gewesen, das Vertrauen der Gesellschafter*innen zu genießen, die alle haben zustimmen müssen. Aber wie lässt sich ein weit verzweigter Kreis von über 200 Personen, die in Deutschland, aber auch Südafrika oder Uruguay sitzen, hinter einer Position versammeln? „Wir haben einen Familienkodex, in dem klar geregelt wird, was man von der Familie als Gesellschafter erwartet, wer mitarbeiten darf und welche Gremien es gibt“, berichtet Heraeus. Das schaffe Klarheit. So sei es Gesellschafter*innen beispielsweise nicht möglich, im Unternehmen mitzuarbeiten – außer an der Unternehmensspitze, wo eine Beteiligung gewünscht ist.



Der Schwiegersohn übernimmt.

Mit Jan Rinnert, den Heraeus über Jahre an die Aufgabe herangeführt hat, steht heute wieder ein Familienmitglied an der Unternehmensspitze. Sehr zur Freude von Heraeus. Die Tatsache, dass er als Aufsichtsratsvorsitzender seinen Schwiegersohn Rinnert kontrollierte, mag politisch nicht korrekt gewesen sein. „Aber die Familie war happy, weil sie mich damit ein wenig länger auf dem Beifahrersitz gesehen hat.“ Gleichwohl sei es für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen, sich zurückzuhalten und nicht in die operative Führung einzugreifen.

Aber wie schwer fiel der endgültige Rückzug aus dem Unternehmen? Heraeus schmunzelt: „Der Lockdown hat geholfen! Viele Veranstaltungen fanden nicht statt, und Einladungen, die man sonst vielleicht gerne gehabt hätte, kamen sowieso nicht. Es hat ein bisschen Disziplin erfordert. Aber jetzt geht’s!“
  
Außerdem in dieser Folge von Kontora Insights: Warum Heraeus nicht an die Börse geht, woran es Fremdmanager*innen zuweilen mangelt und was ein Familienunternehmen mit einem Achtzylindermotor zu tun hat!