KONTORA INSIGHTS – DER UNTERNEHMER PODCAST.

Folge 7 - Dr. Claas Kießling

Immobilien, digitale Disruption und die Kunst zu Debattieren: Claas Kießling (Wentzel Dr.) im Gespräch mit Kontora Geschäftsführer Stephan Buchwald.

Die Themen dieses Podcasts mit Claas Kießling:

  • Senatsempfang zum 200-jährigen Jubiläum (00:01:403)
  • Wie Wentzel Dr. die Digitalisierung gestaltet (00:12:55)
  • Immobilienshops als Franchisekonzept (00:23:10)
  • Jugend und Studienzeit (00:30:56)
  • Berufseinstieg und erste Führungserfahrung (00:37:16)
  • Kießlings Rolle als CEO (00:43:18)
  • Drei Schlussfragen (00:51:54)
     

Komplette Folge hier als Video.

Für Wentzel Dr., eines der ältesten Immobilienunternehmen Deutschlands, war 2020 ein besonderes Jahr. Nicht nur feierte das Hamburger Unternehmen seinen 200. Geburtstag. Mit Claas Kießling nahm zudem ein Vertreter der siebten Unternehmergeneration auf dem Chefsessel Platz. Bei Kontora Insights erzählt der Nachfolger, wie er bereits als Jugendlicher mit Betriebskostenabrechnungen in Kontakt kam, warum er sich bewusst für ein Ingenieurstudium entschieden hat und was seine Strategie ist, um die Konkurrenz aus der Tech-Szene auf Abstand zu halten.

„Unsere Schwerpunkte sind die Verwaltung und das klassische Maklergeschäft“ erläutert Kießling. Im Bereich der Vermittlung von Wohnimmobilien sei es zudem gelungen, ein erfolgreiches Franchisekonzept am Markt zu etablieren. Unter dem Namen Wentzel Dr. HOMES existieren mittlerweile in vielen Regionen Immobilienshops, die von selbständigen Unternehmer*innen geführt werden.


Gerade Mitarbeiterführung ist ein Thema, das man nicht an der Uni lernen kann, da hilft nur Lebenserfahrung.

Claas Kießling
Wentzel Dr.


Bewusst analog

Für Kießling eine Win-win-Situation: So sei es einerseits wichtig, vor Ort präsent zu sein, um direkten Kundenkontakt zu haben. Andererseits seien kleine Maklerunternehmen nicht immer in der Lage, sich das notwendige technische Know-how zu erschließen. „Unser Ansatz, gemeinsam mit starken Unternehmerpersönlichkeiten in einem Netzwerk zu arbeiten, ist für uns genau richtig.“

Ohnehin sieht Kießling die persönliche Ansprache als wichtiges Unterscheidungsmerkmal im Wettbewerb. „Wir sind in einigen Bereichen sehr bewusst analog. Unsere Kunden bekommen nicht nur E-Mails, sondern wir telefonieren auch mit ihnen. Wenn wir beispielsweise über die Suche nach einer Immobilie sprechen, fragen wir Ende nach, was wir sonst noch für sie tun können. Das geht nur in einem Gespräch.“

Die Betonung des persönlichen Kundenkontakts bedeute aber nicht, dass Wentzel Dr. die Herausforderungen der digitalen Disruption vernachlässige. Ganz im Gegenteil: In den vergangenen 15 Jahren habe das Unternehmen die Digitalisierung in allen Bereichen vorangetrieben. Das betreffe interne Prozesse, aber auch die Identifikation potenzieller Kunden oder den Vertrieb über Immobilienplattformen. Gerade aufgrund der Kombination analoger und digitaler Bausteine sehe sich Wentzel Dr. gut gerüstet, um „hybriden Maklern” – also Start-ups, die ihr Geschäftsmodell weitestgehend digitalisiert haben – die Stirn zu bieten.



Ich halte es für eine Stärke, dass bei uns nicht der eine starke Patriarch unantastbar durchregiert.

Claas Kießling
Wentzel Dr.


Technischer Sachverstand

Claas Kießling ist mit dem Immobiliengeschäft aufgewachsen. Sein Vater und Onkel, die sich damals die Geschäftsführung teilten, führten das Unternehmen zu neuer Größe. Und auch die nächste Generation packte bereits mit an: „Ich und meine Schwester saßen in den Schulferien von morgens bis abends vor dem Paternoster-Aktenschrank und haben Betriebskostenabrechnungen in Akten abgehängt.“

Bei der Studienwahl habe er sich bewusst gegen eine Business School entschieden. Sinnvoller sei es ihm erschienen, eine Brücke zu technischen Aspekten des „Produkts“ Immobilie zu schlagen, weswegen er in Leipzig Wirtschaftsingenieurwesen studierte. Aber auch der Studienort habe eine Rolle gespielt: „Ich wollte während der Studienjahre noch mal rauskommen und eben nicht nach Oestrich-Winkel oder München.“

Nach seinem Abschluss mit Promotion tritt Kießling 2007 ins Familienunternehmen ein. Dort habe er intensiv mit seinem Onkel zusammen gearbeitet, der ihm erste Führungsaufgaben übertrug. „Gerade Mitarbeiterführung ist ein Thema, das man nicht an der Uni lernen kann, da hilft nur Lebenserfahrung“, sagt Kießling. „Und beim Sammeln der Erfahrung muss man sehen, dass man nicht zu viel Porzellan zerdeppert.“

Leidenschaftliche Debatten

Der Nachfolgeprozess habe ihm die Bedeutung familieninterner Kommunikation vor Augen geführt. Die letztlich gelungene Übergabe – Onkel und Vater haben sich Ende 2019 aus der Geschäftsführung zurückgezogen – sei nicht frei von Konflikten gewesen. Externe Unterstützung hätte helfen können, Spannungen aus dem Prozess zu nehmen.

Als CEO komme ihm heute einerseits die Rolle zu, voranzugehen. Andererseits sei es von großer Wichtigkeit, zu moderieren und den Zusammenhalt der Führungsmannschaft sicherzustellen. Diskussionen würden leidenschaftlich geführt, wobei es durchaus einmal laut werden könne. „Aber ich halte es für eine Stärke, dass bei uns nicht der eine starke Patriarch oder Familienunternehmer unantastbar durchregiert. Ich glaube, am Ende ist die Demokratie der Autokratie dann eben doch überlegen.“


Außerdem erfahren Sie in dieser Folge von Kontora Insights, wie Wentzel Dr. mit zunehmender gesetzlicher Regulierung umgeht und was Claas Kießling neuen Mitarbeitenden am ersten Arbeitstag mit auf den Weg gibt.