– Handelsblatt

Unabhängigkeit macht sich bezahlt

Family-Offices verwalten hierzulande bereits knapp 200 Milliarden Euro

Family-Offices erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Denn viele vermögende Anleger möchten ihr Geld nicht einer Bank, sondern einem unabhängigen Vermögensverwalter anvertrauen. Neben den bundesweit 30 bis 50 Multi-Family-Offices, die mehrere Kunden betreuen, gibt es 400 bis 500 Geldverwalter, die für ausschließlich eine Familie arbeiten. Insgesamt schätzt die European Business School das Volumen in der stark wachsenden Nische der Family Offices auf knapp 200 Milliarden Euro.

Oft beschränken sich Family Offices nicht nur auf die Verwaltung des Vermögens ihrer Kunden, sondern bieten Familien auch andere Dienstleistungen. Eine Kernaufgabe besteht aber stets darin, Asset-Manager auszuwählen und zu überwachen. Dabei ist es wichtig, das Honorarmodell und damit die Unabhängigkeit des Family-Office zu verstehen: Einige bieten Beratung und Geldanlageprodukte aus einer Hand an. Sie verdienen mit beiden Leistungen und sind selbst der Asset-Manager. Andere Büros haben dagegen die Funktionen getrennt, erhalten aber Provisionen oder Kick-back-Zahlungen von ausgewählten Fonds oder Vermögensverwaltern. 

Manche Family-Offices lassen sich ausschließlich von ihren Kunden honorieren. Sie sprechen allenfalls Empfehlungen für die Finanzprodukte aus und helfen ihren Kunden beim Beauty-Contest, also bei der Auswahl der Asset-Manager. Aber sie beauftragen diese Aktien-, Edelmetall- oder Immobilienspezialisten nicht selbst. „Das ist wichtig“, betont Holger Lobbel vom Family-Office Kontora. „Vertragspartner der Asset-Manager ist die Familie, nicht wir. Wir bleiben unabhängig, kontrollieren die Arbeit der Verwalter ohne Eigeninteresse.“

Wenn Kontora mit einem Mandanten einen Fachmann für eine Assetklasse auswählt, erfolgt eine strenge Prozedur zur Auswahl des geeigneten Kandidaten. Es wird darauf geachtet, dass die Person integer sowie fachlich und charakterlich befähigt ist. Auch die Produkte, die Risiken der Anlageinstrumente, die Kostenstruktur, die Liquidität, die Prozesse, eine stabile Infrastruktur und eine ausgeprägte Anlagedisziplin sowie die Performance sind wichtige Kriterien. „Wer seinen Verwalter allerdings nur nach Rennlisten auswählt, wird oft enttäuscht. Das sind Vergangen- heitswerte“, betont Lobbel.

Schließlich wird das Vergütungsmodell auf Markt-Usancen, Fairness, Transparenz und Interessengleichheit überprüft. Entlohnt wird der Verwalter in der Regel auf prozentualer Basis. Bemessungsgrundlage ist die Höhe des verantworteten Vermögens. Zwei Honorarmodelle haben sich bewährt: die Pauschalgebühr („All-in Fee), mit der sämtliche Aufwendungen des Verwalters abgegolten werden, und die transaktionsabhängige Vergütung. Dabei zahlt der Kunde eine geringe Pauschale und zusätzlich für jede durchgeführte Transaktion. Im Schnitt kostet ein Asset-Management 0,4 Prozent bis 1,5 Prozent per anno. Wie viele Verwalter eine Familie beschäftigt, hängt von der Anlagestrategie und der Summe ab, die in liquide Anlagen investiert werden soll.

Die genaue Prüfung des Asset-Managers ist laut Lobbel bei Banken und Vermögensverwaltern oft schwierig, „weil die Präsentation meist von vertrieblich geschulten Relationship-Managern durchgeführt wird“. Man solle darauf bestehen, dass der zu beauftragende Portfoliomanager dabei ist. Außerdem seien kontinuierliches Controlling und regelmäßige Anlagemeetings empfehlenswert: „Ohne täglich konsolidierte Bestands-, Risiko- und Renditeanalysen ist eine effiziente Vermögenssteuerung nicht möglich.“