Fehlender Fokus
Dabei habe er noch gar nicht vorgehabt, dem Ruf des Vaters zu folgen. Berner arbeitete in Hamburg an seiner Promotion, als ihn 2012 eine Art Notruf aus der Heimat erreichte. „Der Vorstandsvorsitzende, den wir hatten, wurde vom Aufsichtsrat bei einem Fraud-Thema erwischt“, erzählt Berner im Kontora Podcast. Werte des Unternehmens, die ihm persönlich wichtig sind, seien verletzt worden – da habe er sich in der Pflicht gesehen, das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen, schließlich sei das Familienunternehmen für ihn eine heilige Institution. „In dem Moment, als alle heulend da saßen, hat mich so die Wut gepackt, dass ich gesagt habe, ich schmeiß jetzt alles andere hin, ich mach das jetzt!“ Doch was er vorfand, habe ihm Angst gemacht.
Der Berner Group, die mit Produkten für Kfz-Werkstätten, Bau und Industrie handelt, sei der Fokus verloren gegangen. Das vor seiner Übernahme in der Verantwortung stehende Fremdmanagement habe über Jahre Unternehmen gekauft, die nicht zueinander passen: „Wir hatten einen Reigen an Firmen, die nicht kompatibel und zum Teil auch hoch unprofitabel waren.“ Eine gemeinsame Datenbasis, wie sie beispielsweise für den E-Commerce wichtig ist, habe es nicht gegeben. Zudem seien viele Außendienstler dahin gegangen, wo es bequem, aber nicht lukrativ ist. „Dadurch hat sich ergeben, dass dieses teure Außendienst-Modell in 30 Prozent der Fälle Geld gekostet hat, nicht gewonnen.“
Die brennende Plattform
Zunächst sei es wichtig gewesen, ein Gefühl für den Ernst der Lage zu vermitteln. Viele waren noch der Überzeugung, dass alles gut ist. „Die dachten, ich komme jetzt und klopfe denen auf die Schulter. Ich habe aber gesagt, dass wir brennen.“ Die Burning Platform sei sein Lieblingswort gewesen. „Nochmal drei Jahre so weiter und wir sind tot“, habe er gesagt. Was wiederum ein Schock für die Leute gewesen sei. Ganze 45 Megaprojekte habe er gemeinsam mit seinem Führungsteam aufs Gleis gesetzt, erzählt Berner. Eine Kraftanstrengung, doch unverzichtbar, um der Berner Group eine Zukunft zu geben. Denn die Konkurrenz sei bereits enteilt gewesen, insbesondere im Bereich Digitalisierung.
Die Digitalisierung habe er lange Zeit als Monster wahrgenommen, als Gefahr. Dann jedoch sei ihm die Erkenntnis gekommen: „Nein, du musst keine Angst haben. Der persönliche Kontakt bleibt, du musst nur dein Angebot aufräumen.“ Schließlich brauche der Mensch andere Menschen. Beides sei wichtig: Eine zusammengeführte Digitallandschaft für das Digitalgeschäft und der persönliche Kontakt zur Vermittlung von Expertise. Erst durch die Kombination könne man die Bedürfnisse der Kundschaft befriedigen. Heute gebe es Länder, in denen bereits über 50 Prozent des Umsatzes per E-Commerce und Telefon realisiert wird – aber das Wachstum komme weiterhin über den Außendienst.