– Frankfurter Allgemeine Zeitung

Hohe Ausschüttungen können sich nur kerngesunde Unternehmen leisten

Ein Aspekt, der von Anlegern bei Aktieninvestments teils unterschätzt wird, sind kontinuierliche Dividendenzahlungen. Sie können für die langfristige Aktienrendite einen wesentlichen Beitrag leisten. Dividenden-ETFs verfolgen dabei sehr unterschiedliche Strategien.

Was waren das doch noch für Zeiten, als Anleger relativ risikolos mit Staatsanleihen Zinsen von fünf, sechs oder sieben Prozent und mehr erzielten. Etwa ein Jahrzehnt ist das her. Mittlerweile hat sich die Anlagewelt grundlegend verändert: Die Zinsen für neu ausgegebene fünfjährige Bundesanleihen liegen bei minus 0,5 Prozent – Strafzinsen. Kein Wunder, dass viele Experten in den Gewinndividenden von Aktiengesellschaften die neuen Zinsen sehen.

Im Frühjahr ergoss sich ein warmer Regen über die Aktionäre deutscher Unternehmen. Insgesamt 31,3 Milliarden Euro Dividenden wurden allein von den Dax-Gesellschaften ausgeschüttet. Nominell am meisten zahlten Daimler, Allianz und Siemens. Zu den weltweiten rund 70 Dividenden-Aristokraten, die 25 Jahre oder mehr in Folge ihre Ausschüttungen gesteigert haben, gehören Coca-Cola und PepsiCo, Johnson & Johnson, McDonald’s, ExxonMobil und Chevron. In Europa können beispielsweise Nestlé und Roche eine ähnlich lange positive Tantiemen-Historie vorweisen. Max Otte, Professor für Betriebswirtschaftslehre, weist darauf hin, dass die Aktienkurse vieler dieser „Adels-Häuser“ in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen sind, so dass die zukünftigen Renditen langfristig nicht über acht Prozent liegen dürften.

Was 2017 gut war, dürfte sich auch 2018 fortsetzen: Erwartet werden bei soliden Dax-Unternehmen erneut Dividendenrenditen von drei bis vier Prozent, bei einigen Werten wie Adidas, BMW, Henkel oder Linde sogar prozentual höhere als in diesem Jahr. Der Haken an der Sache: Es gibt für Dividenden keine Garantie. Anders als ein Anleihekupon kann eine Tantieme gekürzt oder sogar komplett gestrichen werden. Lufthansa-Aktionäre können davon ein Lied singen: Die Dividendenpolitik des Konzerns sieht zwar eine Ausschüttungsquote zwischen zehn und 25 Prozent vom Ebit, also des operativen Ergebnisses, vor. Doch für die Geschäftsjahre 2009, 2012 und 2014 bekamen die Aktionäre keinen Cent, weil das Unternehmen rote Zahlen schrieb. In den letzten beiden Jahren gab es 50 Cent pro Aktie, was einer Rendite von 3,68 beziehungsweise 3,08 Prozent entsprach.

Mit Sparplan in dividendenstarke Unternehmen investieren 

Wer sich gegen solche Ausreißer nach unten schützen will, sollte sich börsengehandelte Indexfonds ansehen. Ein klassischer ETF bildet stur einen bestimmten Marktindex ab, zum Beispiel den Dax. Er ist ein Anlage- instrument, das eine breite Diversifikation bei geringen laufenden Kosten bietet. Be- sonders geeignet erscheint er für Privatanleger. Sie können einen Standard-ETF beispielsweise auf den Stoxx Europe 600 erwerben. Oder sie setzen auf den Deka DAX-plus Maximum Dividend ETF, der 2015 mit einem Plus von 13,1 Prozent zur Spitze der Dividenden-ETFs im Euroraum gehörte. Der Deka-ETF bildet den DAXplus Maximum Dividend Index physisch nach. Dieser investiert in die 20 deutschen Aktien mit der höchsten Dividendenrendite. Aktuelle Top- Positionen: Linde, K+S, Münchener Rück und RTL Group.

Wer auf Dividendentitel weltweit setzen will, kann unter Dow Jones Global Select Dividend, S&P Global Dividend Aristocrats oder SG Global Quality Income wählen. Es gibt für Dividenden-ETFs auch Sparpläne. Mit einem Sparplan auf den Stoxx Global Select Dividend 100 Index beispielsweise investiert man regelmäßig in die 100 Unternehmen mit der höchsten Dividendenrendite in Europa, Amerika und Asien.

Erfahrenere Investoren wie Versicherungen oder Pensionskassen stecken zunehmend Teile ihres Vermögens in sogenannte Smart-Beta-ETFs, die einen alternativen, speziell gewichteten Index nachbilden. Bei Dividenden-ETFs sind das zum Beispiel die dividendenstärksten Werte aus dem S&P 500. Damit will man mehr Rendite oder weniger Schwankung als bei einem Standardindex erreichen. Mehr als 20 solcher Strategie-ETFs sind an der Börse Frankfurt gelistet. Die Ausrichtung der Fonds, ihre Auswahl und Gewichtung variieren. Nick King, Leiter ETF Fidelity International: „So zeigt sich bei den bekanntesten Smart-Beta-Indizes für amerikanische Dividendenaktien, dass diese zwar die Werte mit höheren Dividendenrenditen aufweisen, ihre Sektorenengagements aber deutlich vom breiten Markt abweichen.“ Er rät Anlegern, die in Dividenden-ETFs investieren wollen, sich über die Risiken von „Sektorwetten“ genau zu informieren. Wer sie vermeiden will, solle besser zu einem Dividenden-ETF greifen, „der die Sektorpositionierung des Gesamtmarktes abbildet“. Die Kosten der Smart- Beta-ETFs, die bei 0,3 bis 0,4 Prozent beginnen, liegen im Schnitt höher als bei einem Standard-ETF. Hinzu kommen häufig Trans- aktionskosten.

Nicht selten fehlt Kapital für Forschung und Entwicklung

Aber: Ausschließlich auf die Dividenden eines Unternehmens zu achten ist der falsche Weg. Stephan Buchwald, Geschäftsführer des Family Office Kontora aus Hamburg, weist auf Gefahren hin, wenn eine Aktiengesellschaft allzu sehr an die kurzfristige Bedienung ihrer Stockholder denkt: „Werden hohe Summen ausgeschüttet, wird möglicherweise sogar an die Unternehmenssubstanz gegangen, und nicht selten fehlt Kapital für notwendige Forschung und Entwicklung.“ Das könne dazu führen, dass ein Unternehmen mittel- und langfristig den Anschluss an die Wettbewerber und damit an Wert verliert.

Buchwald konstatiert, dass kontinuierliche Dividendenzahlungen für die langfristige Aktienrendite einen wesentlichen Beitrag leisten, „der von vielen Anlegern unterschätzt wird“. Grundsätzlich sei Kontinuität in der Dividendenpolitik auch ein gutes Zeichen: „Insbesondere dann, wenn sie parallel mit einer verlässlichen Unternehmenspolitik geht.“ Bei der Auswahl der Werte sollte man sich jedoch gut informieren. Der Kontora-Chef: „Hohe Ausschüttungen können sich nur kerngesunde Unternehmen leisten, die Investitionen in ihr Wachstum nicht vernachlässigen.“ Das werbliche Gleichsetzen von Zinsen und Dividenden sieht Buchwald kritisch. Er befürchtet, dass diese Aussage Anleger ohne langfristigen Anlagehorizont und Aktienerfahrung anzieht.